August 2017

Bremen. Im Hotel. 12 Uhr mittags. Eine Horde überangepasster Langweiler überfällt die Bar. Optisch Typ Verwaltungsangestellte auf Betriebsausflug. Mitte 40 bis Mitte 50. Wir sitzen noch gemütlich und frühstücken. Die Horde säuft. Ist laut. Schrilles Lachen. Inhaltsleeres Gelaber. Baltzgehabe. Fünf Tage die Woche Bürger ärgern, ein Wochenende im Jahr mal so richtig die Sau rauslassen. Ekelhaft passt es so gar nicht zum Ambiente der Bar und zu den Leuten, die dort noch frühstücken.

 

Nachts lärmen Sie über den Flur. Gröhlend werden um 4Uhr nachts Zimmertüren geknallt. Schrilles Lachen.

 

Der nächste Morgen. Ich sitze an einem Vierertisch – alleine. Laptop, Buch, Papier, Tee. Warte auf meinen Partner, der noch duscht. Wir wollen reden, uns austauschen, Sinn entwickeln. Ein Teil der Horde überfällt den Frühstücksraum. „Nicht zuerst an die Bar?“ denke ich.  Sie setzen sich direkt an einen 6er Tisch neben meinem Tisch. „Muss das wirklich sein?“ fragt sich die Erfahrung des gestrigen Mittags in mir. „OK Tanja, ist ein freies Land, da darf jeder…“ denkt es in mir. „Aber: Moment! Schreit das Volk nicht grade in diesen Tagen nach Abgrenzung?“ Ich fühl mich eh schon eingesperrt und Grenzen funktionieren nicht nur in eine Richtung. Egal. Zurück zum Frühstückstisch. Die Horde meint – so unter sich – wenn Horst und Gaby noch kommen, die können sich ja dann noch dahin setzen, da ist noch frei. Sie zeigen auf meinen Tisch.

„Ähm… nein. Horst und Gaby werden sich garantiert nicht an meinen Tisch setzen“, denke ich. „Karl, Johanna, Khaled, Pierre, Alev, Elfriede oder Ernst gerne. Aber nicht Horst und Gaby.“ Da zieh ich meine Grenze. Diesen Stumpfsinn ertrag ich an meinem Tisch heute morgen nicht.

Aber warum schreib ich das jetzt hier am Tisch gerade, während die Horde neben mir nicht das Frühstück genießt, sondern lärmt?

Darum:

Tadaaaaa…

Auftritt: Mann und Frau. Jung. Beide. Er wilde Locken. Sie Dreads. Beide ganzkörpertätowiert. Uhh…

Schlendern in den Frühstücksraum. Suchen sich einen guten Platz. Frühstücken. Die Horde: Glotzt. Starrt. Und fängt an, sich das Maul zu zerreißen. Über die Unmöglichkeit „so“ herumzulaufen. Ekelhaft. Wie kann man nur. Das muss eine Sucht sein, sonst macht man sowas nicht. Ich hab da mal von gehört…

Und die bösen Tätowierten? Sitzen ruhig am Tisch, frühstücken und unterhalten sich. Ich kann den Inhalt nicht verstehen, aber bestimmt nicht so unsinniges, stumpfes Zeug wie die Horde am Nachbartisch.

Ich könnt grad so kotzen. Der Horde direkt auf den Tisch.

Mein Gedankenkarusell springt an. „Soll ich was zu der Horde sagen?“ Ich würde sie nur beleidigen. „Soll ich mit Ihnen ins Gespräch kommen?“ Ich denk mir: „Hopfen und Malz verloren.“ Ich verachte sie für Ihr Benehmen und fühl mich selber so klein, weil ich sie so wenig sein lasse, wie sie die anderen. Die Grenze in meinem Kopf wächst. Ich möchte zu dem jungen Paar gehen und mich mit Ihnen unterhalten, mich mit Ihnen solidarisieren. Ich tue es nicht. Sie bekommen das Gelabere nicht mit und ich lass sie in Ruhe frühstücken. 

Ich habe zum ersten Mal im Leben das Gefühl, dass ich mich äußerlich abgrenzen will. Abgrenzen von Menschen, die sich benehmen, wie offene Hosen, aber sich über andere erheben, die ihrem Bild nicht entsprechen. Denn ich seh meist aus wie sie. Wie ein Spießer eben, obwohl ein kleines Punkrockherz in meinem Körper schlägt. Man sieht es mir meist aber nicht an und jetzt – genau jetzt möchte ich es ändern. Um Zeichen zu setzen und nicht verwechselt zu werden. Da gibt es nur ein Problem: Ich gefalle mir so. Und es kann nicht sein, dass ich mich ändern muss, nur um mich abzugrenzen und dieses tolle Hotel in Bremen den Spasten überlasse.

Nichts gegen Spießer im Allgemeinen. Nur gegen Spasten. Und gegen Spießigkeit. Und für Toleranz. Ich werde deswegen aber nicht ganzkörpertätowiert. Das muss anders gehen. Ich weiß noch nicht, wie. Aber das finde ich heraus!