März 2019. Frühstücksraum in der Villa Stern. Ein kleines aber sehr feines Frühstücksbuffet. Tee, Kaffespezialitäten, frische Produkte. Martin und ich freuen uns über die freundliche Bedienung. Wir unterhalten uns wie immer über die Dinge, die uns bewegen. Wir sind unterwegs zu einem Seminar in die Nähe von Hamburg. Gestern haben wir hier in Oldenburg Station gemacht, um meine älteste Tochter zu besuchen, die hier wohnt. Es war ein schöner Abend. Wie jedes Mal toll, wenn ich mein Saubärchen sehe – viel zu wenige Male im Jahr.

Ich trinke Tee. Wir reden, alles wie immer… Unvermutet, ganz langsam füllen sich meine Augen mit Tränen, bahnen sich beinahe unbemerkt den Weg über meine Wangen auf mein rotes Kleid, wo sie kleine nasse Flecken hinterlassen. Martin scheint fast erschrocken: „Was ist los?“ Mein Hals ist zugeschnürt, ich kann kaum sprechen. Ich sammle mich. Was war geschehen?

Ich beobachtete meine Gedanken.

Villa Stern in Oldenburg. Ein Inklusionshotel. Kellner, die besser geschult sind, als ich dies sonst häufig im Service erlebe. Alles perfekt. Und ich dachte: „Wie toll der Service uns verwöhnt, wie prima die jungen Leute Dies oder Jenes tun. Welch überaus wertvolle Menschen, die solche Freude ausstrahlen und damit auch unser Frühstück bereichern.“

Normale Gedanken? Gute Gedanken? Warum weine ich?

Ich weine, weil ich diese Gedanken habe – und Inklusion damit eben nicht selbstverständlich implementiert ist. In Maßnahmen vielleicht ja – in Köpfen damit noch lange nicht.

Solange wir für die selbstverständliche Einbeziehung aller Menschen in unsere Gesellschaft einen Begriff brauchen, dies als besonders erwähnenswert finden – solange bin ich traurig, denn dann ist es eben nicht selbstverständlich, dass ALLE Mitglieder einer Gesellschaft als Besonders im Besten Sinn angesehen werden.

Ein wertvoller Moment für mich. Ich habe mich dabei erwischt, wie ich dachte: „Wie toll „die“ das hier machen.“

Die „mich-erwischen-Momente“ sind für mich die besonderen Momente in meinem Leben – denn ab da kann ich etwas ändern!

Ich arbeite an meinem Mindset und in meinem Wirkkreis daran, dass kein Unterschied mehr besteht. Mein Herz wird weiter laut schlagen für die „schwierigen“ Menschen, ich werde weiter „randgruppenaffin“ sein. Aber ich werde mich bewusster damit auseinandersetzen, wie wichtig es ist nicht mehr zu denken: „Wie toll „die“ das hier machen.“ Sondern einfach nur: „Was ist das für ein toller Mensch.“ Unabhängig von Bedingungen oder Kontext. Und die Villa Stern wird uns noch öfter als Gäste sehen. Nicht, weil es ein prima Projekt ist, sondern weil es ein tolles Hotel ist. Punkt.

Grenzen einreißen – beginnt im eigenen Kopf! Machst Du mit?